MNEMOSYNE Texte

Vorspiel: Die Sage vom Riesen Antäus

Wir, als Einzelne und als Kollektiv, erscheinen dieser Tage wie der Riese Antäus aus der griechischen Sage. Dieser war der Sohn des Meeresgottes Poseidon und der Gaia, der personifizierten Erde, mit nahezu unbezwingbarer Stärke.

Als nun Herakles auf den Riesen trifft, wird er von diesem zum Kampf herausgefordert und ein ungleiches Kräftemessen beginnt. Denn so sehr sich der Heros auch abmüht, Antäus ist nicht niederzuringen: Er erhält beständig neue Energie und Heilung aus der Erde … Erst von seinem Gegner in die Luft gehoben, wird er seiner Kraft beraubt und besiegt. Er verliert, im Sinne des Wortes, den Boden unter den Füßen und die Verbindung zu seiner Mutter Gaia.

Thomas Cole, Der Traum des Architekten, 1840

Dieses Bild lässt sich einfach weiterspinnen. Der Boden, auf dem wir stehen und von dem wir ausgehen, ist immer historisch. Er ist nicht nur von Geschichte getränkt, sondern selbst Ausdruck dieser. Unsere Kleidung, Sprache, ja jedes Wort, alles Mögliche, ist geschichtlich-gewachsen und kultiviert. Die Einsicht in diese Prozesse ist dabei eine Freiheits- und Bildungserfahrung und damit eine Stärkung der eigenen Identität. Und so ist die Krise, in der Europa sich dieser Tage befindet, auch am schlüssigsten mit dem Begriff der Identitätskrise gefasst: Unsicherheit über eigene Werte, ein missverstandener, nackter Liberalismus, der keinerlei Orientierung bietet und im Relativismus mündet, und die Unsichtbarkeit des eigenen Gewordenseins sind nur einige der Symptome und Gründe für die gegenwärtige Situation.

Europa als Gemeinsames ist als europäisches Kulturbewusstsein zu verstehen. Es ist ein sozialer Raum, ein Vorrat an gemeinsamen Ideen, Formen, Geschichten und Begeisterungen. Diesen nachzugehen und sie zur Darstellung zu bringen, ist Aufgabe und Anliegen des internationalen Forschungs- und Ausstellungsprojektes Mnemosyne. Denn der Sinn der Geschichte ist die Fundierung der Gegenwart in der Vergangenheit.

Antonio Pollaiuolo, Herkules und Antäus, circa 1475

Identität fußt auf Geschichte(n): Die Notwendigkeit einer positiven Erzählung

Es ist entscheidend zu erkennen, dass eine nationale Identität ähnlich wie eine personale Identität narrativ konstruiert wird. Während die Erzählung von sich selbst die Identität einer Person hervorbringt, schaffen Gemeinschaften durch Erzählungen ihre Identität. Dies geschieht, indem Erinnerungen mit einem nationalen, im besonderen Fall Europas paneuropäischen, Bezug überliefert werden. Europa fehlen diese in die Breite wirkenden gemeinsamen positiven Erzählungen jedoch. Proeuropäisch wird meist mit der Abwesenheit von Dingen argumentiert (z.B. kein Krieg, keine Grenzkontrollen, kein Währungstausch etc.). Dies ist richtig, doch haben sich die Bürgerinnen und Bürger an diesen Zustand gewöhnt und er weist, gerade für die jüngeren Generationen, kaum identitätsstiftendes Potential auf. Auch verliebt sich bekanntermaßen niemand in einen Binnenmarkt.

Wir bedürfen, dieser Tage dringender denn je, einer gemeinsamen und vor allen Dingen positiven Erinnerungskultur, eines neuen paneuropäischen Selbstverständnisses über das Geflecht der eigenen Geschichte, auf dessen Basis ein zukünftiges soziales und politisches Miteinander gelingen kann. Denn in der Tat leert sich die Welt im Wechsel der Generationen immer wieder von selbst aus und unendlich viele Geschichten, die an Orten und Gegenständen haften, gehen unvermeidlich verloren. Gegen dieses automatische und schleichende Vergessen, von dem die Gesellschaft kaum Notiz nimmt, bedarf es der Idee einer gemeinsamen kulturellen Identität. Kultur transzendiert nationalstaatliche Grenzen und schöpft sich letztlich aus dem Verstehen und der Identifikation mit der eigenen Vergangenheit: dem Heilen und Annehmen, dem Anerkennen der Unterschiede und der Wertschätzung der Komplexität des Eigenen und des Anderen.

Man Ray, Noire et Blanche, 1926

Die Bewohner eines Traums

Europa ist eine normative Utopie, die erstrebenswerte Einheit innerer Gemeinschaft und humanistischer, sozialer und demokratischer Werte. Denn die europäische Utopie des Friedens und der Koexistenz unterschiedlicher Kulturen und Staaten ist nicht jenseits der Geschichte entstanden, sondern die direkte Antwort auf eine Geschichte des Krieges und der Konflikte. Ein grausames Prägewerk, das erst zum Gedanken der Einheit führte.

Das Mnemosyne-Projekt ist dabei Teil einer größeren Bewegung geschichts- und identitätspolitischer Suche. Diese fand in der Erklärung »Ein neues Narrativ für Europa: The Mind and Body of Europe« ihren bisher prominentesten Ausdruck und wurde am 1. März 2014, im Beisein des damaligen Präsidenten der europäischen Kommission José Manuel Barroso und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, in Berlin präsentiert. In der Erklärung, dialogisch entwickelt von weltweit führenden Künstler*innen, Philosoph*innen und Wissenschaftler*innen, die auch teils in der Ausstellung präsent sein werden, heißt es u. a.: »das kulturelle Erbe Europas ist die nachhaltigste Ressource des Kontinents.«

Paul Klee, Angelus Novus, 1920

Europa Prima Pars Terræ in Forma Virginis (Europa als erster Erdteil in Form der Jungfrau), eine frühe Europakarte von Heinrich Bünting, 1582

Die Erinnerungen aus dem Totenhaus - Erinnern als freudvoller Prozess

Abschließend ist es uns ein Anliegen, zu betonen, dass Europa – ob das der Kulturen, der Regionen oder der Nationalstaaten – seinen Reichtum aus seiner Vielfalt und Heterogenität, die mitunter Differenzen bis zur Unvereinbarkeit bedeuten, schöpft. Gerade in diesem Amalgam und Spannungsverhältnis soll das Verbindende gesucht und zur Darstellung gebracht werden. Im Gegensatz zu auf den ersten Blick ähnlichen Projekten, die sich mit einer erinnerungspolitischen Fragestellung auseinandersetzen, wird sich Mnemosyne jedoch nicht auf die Erinnerungen aus dem Totenhaus – so der Titel des Epilogs in dem Buch Geschichte Europas (2005) des bedeutenden britischen Historikers Tony Judt – konzentrieren.

Anliegen der Ausstellung ist es vielmehr zu zeigen, dass sich heute Geschichte auch anders begreifen lässt und man Identität über positive Narrative definieren sollte. Die Vergangenheit ist kein reines Trümmerfeld. Westeuropa hat beim Beginn der Ausstellung fast 75 Jahre Frieden hinter sich. Ein Menschenleben. Das Vergangene sollte als eine lebendige Erinnerung wahr- und angenommen werden, als ein Schatz und ein Reichtum, der zur Orientierung genauso wie zur Mahnung dient. So wie es der spanisch-amerikanische Philosoph Georg Santayana 1905 eindringlich formulierte:

»Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.« Selbstverständlich werden und müssen die leidvollen Geschichten von Krieg und Vertreibung, der Shoa, von Folter und Gewalt ihren Platz in der Ausstellung finden. Doch werden sie als eine unter mehreren Determinanten unseres gemeinsamen Gedächtnisses ihren Ort haben. Erinnern kann ein freudiger genauso wie ein schmerzhafter Prozess sein. Beide sind notwendig.

Das grundlegende Ziel von Mnemosyne ist es Beziehungen zu stiften. Beziehung zur Vergangenheit, zur Gegenwart, zur eigenen Identität und Zukunft. Diese soll jede Besucherin und jeder Besucher persönlich erleben können und in vielfacher Lebendigkeit entgegentreten. Das Vergangene nicht als Abstraktum, sondern als Subjekt von Interesse, Leidenschaften, ja einer gewissen »Fankultur«. Dies ist auch Sinn der unterschiedlichen Spiele, Partizipationsmöglichkeiten, der Avatare und Patronen, des Einsatzes von Comics und anderer Medien. Grundlegend ist die Überzeugung, dass über Teilnahme und Identifikation(sfiguren) zu lernen Kultur am einfachsten und nachhaltigsten verständlich macht.

Ilia Efimovich Repin, Die Wolgatreidler, 1872–1873

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