© Stefan Hähnel

μυθοποίηση – mythopoesis

 

„Die Einsicht lautet, dass die Geschichtsschreibung sich in Erzählungen organisiert, weil nur Erzählungen
in der Lage sind, die einzelnen Fakten logisch und chronologisch zu verbinden. Erzählungen legen
Kausalitäten nahe und schaffen Kontinuitäten.“

Reinhart Koselleck in: Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 1979

 

 

Der Ausstellungszyklus Mythopoesis (übersetzt etwa 'Mythen-schaffen') begann im Februar 2020 im Ausstellungsraum Bublitz Thesaurós in der Uhlandstraße. Der Gruppenausstellung Tempel auf Zeit folgten die Einzelausstellungen GABRIEL – Marianische Antiphonen I und die zweiteilige Ausstellung The Mythology of Michal Martychowiec: Nachricht vom letzten Menschen und Josephine, entering the maze.

Inspiration war dabei der von J. R. R. Tolkien und anderen in den 1930er Jahren entwickelte Begriff der Mythopoeia, sowie die Annahme, dass das menschliche 'In-der-Welt-sein' und In-die-Welt-schauen' maßgeblich von Geschichten, Narrationen und Mythologien (vor)geprägt ist. Diese bestimmen, bewusst oder unbewusst unser Verhältnis zu uns selbst, der Gemeinschaft, der Kultur etc. So spricht man für die Bestimmung kollektiver Identitäten in der Forschung heute z.B. von 'imagined communities' und weiß, dass unser Weltverhältnis maßgeblich von Formen und Formaten der Medien bestimmt ist.

Das Forschungsinteresse dieses Zyklus ist es also, verschiedenen Formen von Narrationen und Mythenbildung Raum zu geben und sie in Werken von (bildenden) Künstler*innen nachzuverfolgen. Alle Ausstellungen werden von einem komplementären Veranstaltungsprogramm und ausführlichen Texten flankiert. Zu nennen ist hier insbesondere das Programm Gott lacht. Ein geheimer Polytheismus unserer Zeit des Philosophen Reinhard Knodt. Er verfasst, korrespondierend zu der jeweiligen Ausstellung, Essays, die im Vortrag und im Gespräch mit Publikum veröffentlicht und diskutiert werden.

Der Ausstellung Tempel auf Zeit war die erste Strophe des Merkbuchs der Alten, 1960, des italienischen Dichters Giuseppe Ungaretti (übersetzt von Paul Celan) vorangestellt. Mögen wir sie als Diktum und Metapher für unsere Anliegen begreifen.

„Angefügt, nahtlos, ans Heute
die Tage gestern,
die Tage morgen.

Jahre, Jahrhunderte hin, jeden Nu
das Noch-am-Leben-Sein als Überraschung,
das Immer-und-immer-Dahin des Lebens,
Geschenke, so unverhofft wie Pein,
im unaufhörlichen Wirbel
all des vergeblichen Wechsels.

So, durch unser Geschick,
meine Reise und Weiterreise,
im Handumdrehen
grab ich die Zeit aus, erfind sie
vom Grund bis zum Scheitel,
ein Flüchtling, den anderen gleich,
die waren, die sind, die sein werden.“

"Eingang zu den Ausstellungen μυθοποίηση – Mythopoesis III & IV The Mythology of Michal Martychowiec: Nachricht vom letzten Menschen und Josephine, entering the maze. In den Fenstern zwei Ikonen der 'neuen Mythologie' Martychowiec: Der Panda, als Sinnbild des letzten Menschen und das, in die Apotheose getriebene, Kaninchen Josephine. Die beiden Neonschriftzüge „Has Marcel Duchamp changed the world?“ und „looking for meaning in history“ bringen als Leitfragen zentrale Aspekte des Ausstellungszyklus zur Sprache.

μυθοποίηση – mythopoesis IV

Josephine, entering the maze
The Mythology of Michal Martychowiec

Laufzeit: 24. Oktober – 12. Dezember 2020
Eröffnung 24. Oktober, ab 18 Uhr

kuratiert von Julian M. H. Schindele

Josephine, entering the maze [Josephine betritt das Labyrinth] ist ein weiteres Kapitel der Exploration des symbolischen Zeichenkosmos des britischen Künstlers Michal Martychowiec. Als hermetischer Kosmogoniker errichtet er in dieser Ausstellung einen Schrein und ein Heiligtum für Josephine. Josephine ist eine Lichtgestalt in Form eines Kaninchens und seit 2015 Hauptdarstellerin des Werkes Martychowiecs.

Josephine, entering the maze ist der vierte Teil des aktuellen Ausstellungszyklus μυθοποίηση  – Mythopoesis. Der Zyklus interessiert sich für die Aktualisierung, sprich Repoetisierung und Neuschöpfung von archetypisch-klassischen Narrationen, sowie die Beziehung zwischen Erinnerungskultur und Identität.


μυθοποίηση – mythopoesis III

Nachricht vom letzten Menschen
The Mythology of Michal Martychowiec

Laufzeit: 30. August – 11. Oktober 2020
Eröffnung 29. August, 18 Uhr

kuratiert von Julian M. H. Schindele

Nachricht vom letzten Menschen ist eine Exploration des symbolischen Zeichenkosmos und der neuen Mythologie Michal Martychowiecs. Die zwei Hauptakteure dieser Ausstellung sind die Figur des ungläubigen Thomas und die Figur des Pandas. Diese werden gleichnishaft miteinander konfrontiert. Letzterer übernimmt im System des Künstlers die 'Rolle' des letzten Menschen, wie z.B. von Max Weber oder Friedrich Nietzsche prominent skizziert.

Nachricht vom letzten Menschen ist gleichzeitig der dritte Teil des von Julian M. H. Schindele kuratierten Zyklus μυθοποίησηmythopoesis. Dieser interessiert sich für die Aktualisierung, Variation und Erfindung von Mythen, archetypischer Narrationen sowie dem Zusammenhang von Erinnerungskultur und Identität.


μυθοποίηση – mythopoesis II

GABRIEL
Marianische Antiphonen I

„Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir“

Liebe Besucher*innen,
nach bald dreimonatiger Corona-Pause freut es uns ganz besonders Sie zur ersten Einzelausstellung in den Bublitz. Thesaurós. Uhlandstraße. einzuladen. Wir begleiten Gabriel – den Gottsucher, Pilger, Künstler, Aktivisten, Menschen und Freund – auf einer Station und Performance seiner Pilgerschaft: In die Templerburg Convento de Christo in Portugal.

Öffnungszeiten: Dienstag & Samstag 15 – 18 Uhr
Laufzeit: 14. Juni – 8. August 2020


μυθοποίηση – mythopoesis I

Tempel auf Zeit

Sehr geehrte Damen und Herren,
der neue Bublitz-Ausstellungsraum Thesaurós eröffnet am 16. Febuar 2020 mit der Ausstellung Tempel auf Zeit in Berlin. Die Ausstellung ist der Beginn einer auf etwa zehn Episoden angelegten Serie mythopoesis, die durch essayistische, poetisierende und kommentierende Mittel ergänzt werden.

Öffnungszeiten: Dienstag & Samstag 15 – 18 Uhr
Laufzeit: 17. Februar – 29. März 2020

Michal Martychowiec - All is history