GABRIEL Marianische Antiphonen I – III

M υ θ ο π ο ί η σ η V

GABRIEL
Marianische Antiphonen I – III

Gabriel & Schindele
Fotograf: Stefan Hähnel

 

8. April ∙ 18 Uhr ∙ bis 7. Mai 2022

NADAN
Meraner Straße 7
10825 Berlin

Öffnungszeiten: Donnerstag - Samstag, 13:00 - 18:00, oder nach Vereinbarung
Wahlweise mit der Galeristin oder den Künstlern.

GABRIEL ist eine Erzählung und ein Kosmos des Performance-Künstlers Edwin W. Moes und des Kunsthistorikers JMH Schindele. Seit 2019 firmieren sie als Künstlerduo Gabriel & Schindele. Die Hauptfigur der Erzählung heißt Gabriel und wird von Moes verkörpert.

Der Wanderer Gabriel lebt auf der Straße – auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden von Obdachlosen, die schutzlos der Welt ausgeliefert sind. „Pilgerschaft ist immer auch Zeugenschaft und meine, wie der vergängliche Hauch eines Bindfadens auf diese Karte gelegte Spur ist genau dies: Zeugnis und Erinnerung.“ Am 15. September 2015, vor etwa 2372 Tagen, begann seine Langzeitperformance WEGdie bis heute andauert. Sie führt ihn auf die großen Pilgerstraßen Santiago de Compostelas, Roms und Jerusalems – nur mit Zelt, alles am Körper, begleitet von vier großen schwarzen Hunden.

Im Mittelpunkt der Ausstellung Marianische Antiphonen I – III steht ein Performancezyklus, der vom 5. August bis 7. August 2019 in und um den Marienwallfahrtsort Fátima in Portugal stattfand. Dieser wurde von dem Photographen Stefan Hähnel festgehalten. Die Photographien der Handlung, die wie alle Performances Gabriels ohne Ankündigung im öffentlichen Raum stattfand, werden in der Ausstellung mit poetischen Texten, Fragmenten und konzeptuellen Arbeiten kombiniert und präsentiert.

Gabriel & Schindele versteht einen Ort wie Fátima als bereits konzeptuell aufgeladenen Möglichkeitsraum. „Narrative des Ortes werden durch eine rituelle Performance mobilisiert und in Ritualen wird etwas Vergangenes belebt und für die Gegenwart gewonnen.“ In ihrem Werk verschränken sie so unterschiedliche Zeitebenen, Biographik, Geschichte und Fiktionen, genauso wie christliche, griechische und andere mythologische Zeichenwelten.

Dieses permanente Oszillieren zwischen Dichtung und Wahrheit, das auch immer wieder Fragen der Autorschaft berührt, lässt sich als ein Charakteristikum ihres Werkes beschreiben. Ihre Arbeit sehen sie eingebettet und als Beitrag innerhalb einer langen Tradition europäischer Erinnerungskultur. Die Künstler orientieren sich dabei an kulturwissenschaftlicher, ethnologischer und religionssoziologischer Forschung, der feministischen Theologie genauso wie an Denkern und Philosophinnen wie den deutschen Frühromantikern oder dem indischen Psychoanalytiker Sudhir Kakar. In die Werke dieser Ausstellung fanden Zitate von Theresa de Ávila, Friedrich Hölderlin, Angelos Sikelianos, Giorgos Seferis, Emmanuel Levinas und Friedrich von Hardenberg (Novalis) direkten Eingang.

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Marianische Antiphonen I
Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir

5. August 2019
Portugal – Tomar – Convento de Cristo

Zur Ausstellung M.A. I

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Marianische Antiphonen II
Zwischenland

6. August 2019
Portugal – Zwischenland – von Tomar nach Fátima

Fátima und die Marianischen Antiphonen

Fátima in Zentralportugal. Hier, an einer Steineiche, soll im Sommer 1917 die Muttergöttin Maria drei Hirtenkindern insgesamt sechsmal erschienen sein. Sie vertraute ihnen eine Prophezeiung an, die als die Drei Geheimnisse von Fátima in die Geschichte einging. Der Bericht über die Marienerscheinung verbreitete sich damals in Windeseile und führte am 13. Oktober 1917, bei der letzten Marienerscheinung, zu einem sogenannten ‚Sonnenwunder‘, bei dem bis zu 40.000 Menschen anwesend waren.

Aus diesen Quellen und dem reichen Mythos des Ortes entstanden die Marianischen Antiphonen. In der dreitägigen Performance begibt sich Gabriel auf die Suche nach der weiblichen Gottheit des Christentums und begegnet der Verkörperung eines Prinzips wie auch der Nachfahrin und Schwester der antiken Muttergottheiten.

Der Titel Marianische Antiphonen greift die an die Gottesmutter gerichteten Gesänge (Antiphonen = Wechselgesänge) in der christlichen Liturgie auf. Für die Marianischen Antiphonen I haben die Künstler die Anfangszeilen des ältesten dieser kanonisierten Musikstücke, aus dem dritten Jahrhundert nach Christus, ausgewählt. Sub tuum præsidium confugimus – Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir. Sie verweisen auf das Motiv der Schutzmantelmadonna, die sie seit Beginn der Entwicklung dieser Performancereihe inspirierte. Maria als liebende, wärmende, verständnisvolle und schützende Mutter.

Zum Ablauf der Marianischen Antiphonen

Die Marianischen Antiphonen I „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir“ fanden in der Templerburg Convento de Cristo in Tomar statt. Gabriel vollzieht eine mehrteilige rituelle Reinigung. „Ich Mensch, ich bin schmutzig und bevor ich das Heiligtum betrete, muss ich mich reinigen. Das erfordert der Respekt vor den Symbolen und dem eigenen Glauben.“ Für diese Waschung verwendet er Milch, Honig[1], Wasser und Öl. Allesamt Flüssigkeiten, die seit Jahrtausenden symbolisch mit weiblichen Gottheiten verbunden sind. Nach diesem Akt betritt er das Innere der Festung. Hier enthüllt er die Babykatze NEO, neugeborenes Leben, das er einige Tage zuvor aus dem Müll gerettet hat und das den Kommenden Gott[2] verkörpert. Es folgt der Rauswurf aus dem Gotteshaus durch einen Repräsentanten der Institution und die Rückkehr zum Ort des Reinigungsrituals. Dort schreibt Gabriel im inneren Wechselgesang vier Briefe an Maria und die Hirtenkinder und verlässt darauf die Anlage. In den Marianischen Antiphonen II Zwischenland durchquert er die Ödnis zwischen Tomar und Fátima.

In den Marianischen Antiphonen III Die Hirtenkinder von Portugal besucht Gabriel Aljustrel, das Geburtsdorf der Kinder. Dort sammelt er Blumen und Beeren, die er als Gabe, Geschenk und Gruß nach Fátima trägt. Auf einer etwa 2 km langen Promenade, rechter Hand eine Anreihung moderner Hotels und zur Linken wüstes Land, begibt sich Gabriel zu der ‚Pilgerarena‘ Cova da Iria.

Die Marianischen Antiphonen III Cova da Iria fanden in dem Hauptheiligtum Fátimas statt. Nachdem Gabriel seine Hunde in Sicherheit gebracht hat, konfrontiert er die Institution Kirche, repräsentiert durch vier steinerne bzw. bronzene Päpste mit NEO, dem Neugeborenen. Es kommt zu einer weiteren rituellen Waschung. „Ich umpilgere Geschichte und Geschichten und lege Zeugnis für diese ab. Es ist wie eine Art Ber­gungsprozess, in dem ich einzelne Fragmente mit meinen Armen umschließe.“ Auf den Knien, NEO schützend in den Armen, gelangt er zum Ort, an dem einst die Steineiche stand und Maria den Kindern erschien. Hier übergibt er seine Geschenke und die vier Briefe.

 

Die Ausstellung ist der griechischen Göttin der Erinnerung MNEMOSYNE gewidmet.

[1] Der Schweizer Rechtshistoriker, Altertumsforscher und Anthropologe Johann Jakob Bachofen (1815–1887) fasste die symbolische Bedeutung von Bienen und Honig mit folgenden Worten zusammen: „die Biene [erscheint – JMHS] mit Recht als Darstellung der weiblichen Naturpotenz. Mit Demeter, Artemis und Persephone ist sie vorzugsweise verbunden und hier eine Darstellung des Erdstoffes nach seiner Mütterlichkeit“ (Bachofen; 1861; Das Mutterrecht).

[2] Der ,Kommende Gott‘ ist ein Titel des Gottes Dionysos wie er seit der Antike Verwendung findet. Für uns ist an dieser Stelle besonders interessant, dass Dionysos wahrscheinlich eine männliche Variation und Übernahme weiblicher Göttinnen war. Wie soll ein männlicher Gott auch genuin für Fruchtbarkeit stehen?
Manfred Frank (* 1945) schreibt dazu in Bezugnahme auf Friedrich Schelling (1775–1854): „so ist es nicht weit zu der Vermutung, dass sich der Dionysos-Kult von Anfang an an die Verehrung der großen Mutter angeschlossen und sie unter veränderten Vorzeichen aufbewahrt hat. Dionysos und Kybele/Semele/Demeter standen also, längst vor der Verwechslung der delphischen und athenischen Kultur in einer unmittelbaren Beziehung“ (Frank; 1982; Der kommende Gott. Vorlesungen über die Neue Mythologie).

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Marianische Antiphonen III
Die Hirtenkinder von Portugal

7. August 2019
Portugal – Aljustrel

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Marianische Antiphonen III
Cova da Iria

7. August 2019
Portugal – Fátima – Cova da Iria

Notiz zum Ausstellungszyklus Mythopoesis

Die Reihe Mυθοποίηση – Mythopoesis (übersetzt etwa ‚Mythen-schaffen‘begann im Februar 2020 im Bublitz Thesaurós mit der Ausstellung Tempel auf Zeit. GABRIEL Marianische Antiphonen I – III ist der fünfte Teil der Serie.

Grundlegend für diese ist die Annahme, dass das menschliche ‚In-der-Welt-Sein‘ und ‚In-die-Welt-Schauen' maßgeblich – wenn nicht in Gänze – von Geschichten, Narrationen und Mythologien (vor)geprägt ist. Diese bestimmen bewusst oder unbewusst unser Verhältnis zu uns selbst, der Gemeinschaft, der Kultur usw. So spricht man beispielsweise für die Bestimmung kollektiver Identitäten in der Forschung heute von ‚imagined communities‘ und weiß, dass unser Weltverhältnis von Formen und Formaten der Medien abhängig ist. Das Forschungsinteresse dieses Zyklus ist es, verschiedenen Formen und Spielarten von Narration und zeitgenössischer Mythenbildung Raum zu geben und sie in Werken von (bildenden) Künstlern und Künstlerinnen nachzuverfolgen.

 

Mitwirkende und Protagonisten

Edwin William Moes wurde 1971 in Rotterdam geboren. In seiner Kindheit erlebte er Krankheit, Tod und Verlassenheit. Er absolvierte eine Ausbildung zum Tänzer (1989–1993) an der TED [Theater Expressional Dance] in Tilburg in den Niederlanden. Er kann den Beruf aber wegen eines Oberschenkelbruches nicht aus­üben. Weitere Lebensstationen waren Wien, Berlin und, vor allen Dingen, die historische Fachwerkstadt Melsungen an der Fulda. Dort entwickelte er das architektonische Gesamtkunstwerk Bound (2007–2014), das heute weitgehend zerstört ist. 2007 entwickelte er die Figur Gabriel. Seit 2015 befindet er sich auf Pilgerschaft und der Langzeitperformance WEG.

Julian Malte Hatem Schindele wurde 1984 in Bremen geboren. Er studierte Betriebswirtschaftslehre, Philosophie, Kunstgeschichte und Ägyptologie an der Universität Potsdam, an der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität Berlin. 2011 gründete er das Kuratorenbüro Bublitz, das sich zu einer Organisation an der Schnittstelle zwischen künstlerischer Produktion, kuratorischer Erzählung und Kulturgeschichte entwickelt hat. Mit der Gründung des Künstlerduos Gabriel & Schindele 2019 arbeitet er auch als bildender Künstler.

Stefan Hähnel wurde 1984 in Frankenberg geboren. Er machte eine Ausbildung zun Mediengestalter in Dresden und studierte Druck- & Medientechnik an der Berliner Hochschule für Technik und Photographie an der Ostkreuz Schule in Berlin. Neben Reportagen aus unterschiedlichen Regionen der Welt steht die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlerinnen, Theatermacherinnen und anderen Kulturschaffenden im Mittelpunkt seiner Tätigkeiten. Genauso wie seine Leidenschaft für extremen Ausdauersport und dessen Dokumentation.

 

Eine Ausstellung von Bublitz in Kooperation mit NADAN.

Fotos © Stefan Hähnel