All is history

Das Kunstwerk All is history von Michal Martychowiec lässt sich als Präambel
für die Ausstellungen des Jahres 2020 lesen. Wenn man sich weiter vorwagt,
mag man es als funkelnden Leitstern oder schlichte Phantasie über die
condition humaine verstehen.

Bublitz. Thesaurós. Uhlandstraße.

Der Ausstellungsraum Thesaurós in der Uhlandstraße 147 in Berlin ist die Schnittstelle der Arbeit der Künstlergruppe Thesaurós und des erzählerischen Interesses des Kunsthistorikers JMH Schindele.

Im halböffentlichen Raum sind Sie zu kunst- und kulturhistorischen Ausstellungen eingeladen. Diese werden von Gesprächen mit Gelehrten und Forscherinnen, literarischen und lyrischen Vergnügungen und anderen, die Geselligkeit befördernden Veranstaltungen begleitet.

Hier erzählen wir zusammenhängende und sich fortentwickelnde Geschichten. Diese entstehen aus den Werken der Gruppe Thesaurós im Dialog mit kulturhistorischen Objekten und Kunstwerken anderer Künstler. Die Auseinandersetzung mit der Historie und die Gegenwärtigkeit unterschiedlicher mythopoetischer künstlerischer Prozesse stehen dabei im Zentrum des Interesses.

Die Räumlichkeiten sind architektonisch mit dem chinesischen Teehaus Jian verbunden. Das Gesprächsprogramm wird mit dem Philosophen Reinhard Knodt gestaltet.

 

 

KONTAKT & ÖFFNUNGSZEITEN

BUBLITZ. THESAURÓS. UHLANDSTRAßE.

Uhlandstraße 147
10719 Berlin

 

Eröffnung 16. Februar 2020, 16 Uhr.

Öffnungszeiten: Dienstag & Samstag 15 – 18 Uhr.
Persönliche Besichtigungstermine nach Vereinbarung.
Auch für Besuchergruppen bis fünf Personen.
Eintritt & Führung kostenlos.

 

T. +49 30 83031251

Sie erreichen uns telefonisch von Montag bis Freitag von 10:00 bis 18:00 Uhr.


μυθοποίηση
Tempel auf Zeit

T 1

I

Dieser Ort trägt den Namen Thesaurós und ist – mit all seinen zukünftigen Festivitäten und Ausstellungen – der Poesie und der Erinnerung gewidmet. Die Werke, Persönlichkeiten und Kosmen der Künstlergruppe Thesaurós, gleichnamig zu diesem physischen Ort, bilden zusammen mit dem erzählerischen Interesse des Kunsthistorikers JMH Schindele seinen Ausgangspunkt.

Die erste Ausstellung Tempel auf Zeit stellt den griechischen Begriff der μυθοποίηση – mythopoesis – in ihr konzeptuelles Zentrum. Der Begriff umschreibt das freie Erzählen des Mythos als künstlerische Form, Weltsicht und ethische Kraft.

Mythos verstanden als Spiegel menschlicher Existenz, als Form der Erinnerung, als besonders dicke, verdichtete Stelle des Kanons, als Aufgabe und als artistisches Spiel. Kein Mystizismus, sondern eine lebendige und hoch attraktive Form menschlichen In-der-Welt-Seins. Inspiration und Leitfaden menschlicher Freiheit und Selbst-Verortung.

 

II

Die Suche nach Horizontverschmelzung

Tempel auf Zeit ist der Beginn einer auf etwa zehn Episoden angelegten Serie von Kunstausstellungen, die durch essayistische, poetisierende und kommentierende Mittel ergänzt werden.

Anliegen dieses Tempels ist die Betrachtung des Wechselspiels von Mythos und Poesie. Als lebensprägende Kraft und Grundriss menschlicher Existenz steht es im Mittelpunkt eines organischen Programms aus Gesprächen und Geburtstagsfeiern und tritt uns in zehn Kunstwerken entgegen.

 

Diese stammen von:

El Arbi Bouqdib ARCHIVE, bearbeitet und romantisiert von Elshan Ghasimi, Michal Martychowiec und JMH Schindele.

GABRIEL, in Zusammenarbeit mit Stefan Hähnel, Laura Fociños Mantecón und JMH Schindele.

Elshan Ghasimi mit Friedrich Andreoni.

Hilarion Manero.

Michal Martychowiec.

 

III

Die Kunstwerke, eng miteinander verwobenen und sich umkreisend, sind Bruch- oder Teilstücke gegenwärtiger Mythologien. Nussschalen der Überlieferung. Sich gegenseitig beleuchtend und verschleiernd, sind sie Ausdruck und Sprache der Kosmen ihrer MacherInnen wie auch Fortsetzungen des zeitlosen Gesprächs des Kanons.

Geschichts- und geschichtengesättigt, allesamt Teile des unendlichen Themas Erinnerung (Gadamer). Der von glänzender Lebendigkeit durchwallte Odyssos Hilarion Maneros ist es genauso wie die Karte Europas und des fruchtbaren Halbmonds. Auf ihr sehen wir die Spur des langsam sichtbar werdenden Werks des wandernden Eremiten Edwin William Moes und seiner Gestalt GABRIEL.

In einer Vitrine ein Objekt aus dem Nachlass des marokkanisch-arabischen Mathematikers, Programmierers und Mystikers El Arbi Bouqdib († 2016). Rosicrucian Ephemeris 1900-2000, ein Buch, die Sternkonstellationen des vergangenen Jahrhunderts, aufgeschlagen am vermeintlichen Geburtsmonat Bouqdibs: April 1947.
Die Komponistin und Tar-Virtuosin Elshan Ghasimi hat es 2018 musikalisch bearbeitet. Aber was ist es, welcher Sphäre gehört es an? Ein Kenotaph? Ein Porträt? Ein archivarisches Dokument? Ein Souvenir, ein Relikt, eine Reliquie oder gar ein Readymade? Fest steht, wir haben es mit einer Entität ungeklärten Status zu tun, die noch zu befragen ist.

Pan auf einem Gemälde Hilarion Maneros zeigt sich mit Apolls Laute. Lässt er Musen zu Dryaden werden?

Wir lesen Martychowiecs triumphales all is history, sehen die Hand des Künstlers sich uns aus dem Nichts entgegenstrecken und hören ihn mit Hölderlin sprechen: What remains the poets provide. Auf dem Boden ein elftes Paar Schuhe und die Spuren des wohl ersten Konzerts für Subwoofer und Tar.

What remains the poets provide

Das Werk What remains the poets provide (2018) von Michal Martychowiec steht
im unmittelbaren Dialog mit den Schlusszeilen von Friedrich Hölderlins spätem
Gedicht Andenken von 1803: „Was bleibet aber, stiften die Dichter."

Es ist ein, wenn nicht das, programmatische Schlüsselwerk der aktuellen
Ausstellung und geht Hand in Hand mit Giovanni Anselmo,
Mano che indica (Hand indicating) von 1981.

 

 

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„Angefügt, nahtlos, ans Heute
die Tage gestern,
die Tage morgen.
Jahre, Jahrhunderte hin, jeden Nu
das Noch-am-Leben-Sein als Überraschung,
das Immer-und-immer-Dahin des Lebens,
Geschenke, so unverhofft wie Pein,
im unaufhörlichen Wirbel
all des vergeblichen Wechsels.
So, durch unser Geschick,
meine Reise und Weiterreise,
im Handumdrehen
grab ich die Zeit aus, erfind sie
vom Grund bis zum Scheitel,
ein Flüchtling, den anderen gleich,
die waren, die sind, die sein werden.“

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